Bei sich daheim, auf dem Dach seines Hauses in der georgischen Hauptstadt Tiflis,
hat Pako Sonnenkollektoren installiert. In seinem Bücherregal stehen Rücken
an Rücken neben den Klassikern der georgischen Literatur die Werke von
Herder, Humboldt und Heidegger. Ökologie und Philosophie - beides hat für
ihn etwas mit dem Bewußtsein für Unabhängigkeit zu tun.
Wie wird die Stellung von Georgien in der zukünftigen Welt sein? Welche
Gefahren bringt eine totale Globalisierung mit sich? Das sind Fragen, die den
26jährigen schon lange intensiv beschäftigen:
"Ich trenne mein Leben nicht vom Leben meines Landes. Das ist ein Prinzip,
das ich frei gewählt habe."
In der georgischen nationalen Bewegungen waren seit den Anfängen im 19.
Jahrhundert die Ideen des deutschen Humanismus präsent. Die Schule, an
der Pako Literatur und Philosophie unterrichtet, wurde auf Humboldts sprachwissenschaftlichen
Ideen gegründet.
"Wir verstehen uns als Nation, und verstehen den Begriff der Nation im
Humboldtschen und Herderschen Sinne, also im Sinne von Kulturnation. Und von
daher kommt auch unser Bewußtsein für Unabhägigkeit. Daß
wir uns selbst entwickeln müssen. Dazu versuche ich einen Beitrag zu leisten."
Das Bewußtsein, ein Teil der Kulturnation zu sein, über die eigene
in einen Dialog mit anderen Kulturen zu treten, die Idee, das andere kannst
du nur verstehen, wenn du dich selbst verstehst, und durch das andere kannst
du dich selbst wiederum noch besser verstehen - das, so sagt Pako, waren bei
uns keine bloß theoretischen Fragen. "Wir mußten mit diesen
Ideen Humboldts gegen die Russifikation kämpfen."
In diesem Kontext kam die Ökologie ins Spiel. Ein Merkmal der sowjetischen
Periode war die ungehemmte Gigantomanie. Pako erläutert sie anhand der
Energieversorgungs-Systeme: Typisch für Georgien seien die ca. 2000 kleinen
Wasserkraftwerke gewesen, die das Land bis in die Chruschtschow-Ära hinein
mit Strom versorgt hätten. "Die wurden rausgerissen. Man hat riesige
Stauseen gebaut, die auch für Klima schlecht sind. Heute sind die Anlagen
alt und können nicht mehr die Energie produzieren, die wir brauchen."
Die nationale Bewegung in der Wendezeit um 1990 habe die Dezentralisierung
der energetischen Systeme wieder auf die Tagesordnung gesetzt. "1991 haben
mein Vater, die georgische Regierung und Siemens Solar zusammen ein Projekt
entworfen für die zukünftige Entwicklung. Von beiden Seiten, sowohl
von Siemens als auch von der georgischen Regierung, war die Bereitschaft da,
für Solarenergie, Biotechnologie, Windkraft Geld auszugeben."
Pako zieht den Vergleich zum Indien Mahatma Ghandis, wo man begann, selbst
Salz zu kochen, und das als den Anfang der Unabhängigkeit feierte.
"Wir hatten ökologische Projekte. Die Nationalbewegung kann man sich
ohne Ökologie nicht denken. Sie hat genau in den ökologischen Fragen
der Nation ihren Höhepunkt erreicht. Die Sowjets wollten einen Eisenbahn-Tunnel
durch den ganzen Kaukasus bauen. Das ist zu einem nationalen Problem geworden.
Georgien hat dagegen protestiert... Das war die Wende."
Und heute?
"Es gibt eine grüne Partei. Es wird in offiziellen Kreisen auch darüber
gesprochen. Aber jetzt wird Ökologie irgendwie zurückgestellt, weil
das ganze wirtschaftliche System kaputt ist. Es gibt große Probleme in
der Energieversorgung. Die Wälder werden total abgeholzt. Die natürlichen
Ressourcen fließen meistens in die Türkei. Unsere Physiker, Chemiker,
Biologen wandern aus. Georgien, ein Land, das auch Satelliten produzieren kann,
ist zu einer Bananenrepublik geworden. Das empfinden wir sehr scharf."
Andererseits gebe es heute durchaus ein gewisses Bewußtsein für
nachhaltige Emntwicklung. Aber, so fügt Pako sofort hinzu:
"Das ist faktisch wie eine Ideologie geworden, die aus dem Westen zu uns
kommt. Ich bin Lehrer an der Schule und alle Lehrprogramme - moderne deutsche
oder amerikanische - die uns angeboten werden, die wir annehmen oder ablehnen
können, sprechen über die Liebe zwiwschen den Völkern, über
Internationalismus und Menschenrechte. Aber davon hat man auch in der Sowjetunion
gesprochen. Das kann sehr oberflächlich werden. Und deswegen denke ich,
müssen sich für solche Probleme Philosophen interessieren. Die können
das gründlicher."
Pako ist kein Anhänger technischer Utopien. Auch das solare Zeitalter
ist für ihn kein Elixier der Glückseligkeit, sondern ein Mittel, um
globalen Katastrophen zu wehren. Was ihm wichtig ist: die Verknüpfung von
Ökologie und Sprache.
"Was ist Heimat? Das ist ein Ort, den ich durch meine Sprache praktisch
entfalte und optimiere. Die georgische Sprache hat z.B. für die Weinrebe
ungefähr sechs oder sieben Begriffe. Das ist ein Lebewesen bei uns. Weinbau
ist bei uns mit dem Christentum verknüpft... Jeder Mensch versteht Natur
auch durch die weltbildeigene Sprache. Und die Vergewaltigung der Natur führt
zur Vergewaltigung der Sprache... Die Intimität zwischen Mensch und Natur
geht über die Sprache. Ich meine, es ist gut, wenn große Fabriken
den Menschen Arbeit geben usw. Aber wenn ein Land verarmt, die Bauern vom Land
in die Städte kommen, dann hat die Sprache einen Riesenverlust. Deswegen
bin ich für die Dezentralisierung der Systeme. Internet, Handy, das finde
ich sehr progressiv, auch für die Natur und für die Sprache. Da ist
irgendeine Verknüpfung. Daran werde ich arbeiten."