Deniss Hanovs (23)
Riga, Lettland

Der Impuls kam aus dem Seminar von Wilhelm Schmid über die Moderne. Eine Debatte hatte sich an den Begriffen 'Nation' und 'Identität' entzündet: Wie verhält sich die Moderne, definiert als Kultur der Zeit, zum Phänomen der Nation, verstanden als feste Struktur im Raum? Und daran anknüpfend: Stellt der Prozess der Globalisierung eine Gefahr für kleinere Nationen wie z.B. Litauen dar? Die Fragen blieben offen. Eine kleine, improvisierte Veranstaltung vor dem Abendessen sollte weiter führen. Auf dem Podium des Konferenzraumes saßen Pako und Deniss und referierten - brilliant - über die nationalen Bewegungen in ihren Länder.

Eine philosophische 'jam session' in einer besonderen Konstellation: Der georgische Lehrer für Literatur und Philosophie, Humboldt-Experte und frühere Aktivist einer Bewegung, die in der Zeit des Umbruchs - verkürzt gesagt - 'gegen die Russen' gekämpft hatte, trifft auf einen lettischen Russen (oder russischen Letten), der gerade erst, im Mai 2000, in seinem Heimatland eingebürgert worden war...

Anschließend, bei unserem Gespräch in der Bibliothek, kommt Deniss auf diese Erfahrung zu sprechen. Seine erste Auslandsreise mit dem neuen Paß in der Tasche sei einfach reizvoll gewesen: Keine Ausgaben für ein Visum, keine Probleme an den Grenzen. Es sei einfach leichter, und man sei in einer anderen Rolle, sozusagen Repräsentant seines Landes.

Deniss Hanovs studiert in der lettischen Hauptstadt Riga, ist erst 23 Jahre alt, steht aber schon kurz vor dem Examen. Seine Magisterarbeit hat er abgegeben. "Die lettische Nationalbewegung und das Wertesystem der nationalen Bewegungen im 19. Jahrhundert" ist sein Thema. Der Vergleich zwischen Deutschland und Lettland in dieser Periode interessiert ihn besonders - "Nicht nur weil ich Deutschland mag." - Die Spuren des Kulturtransfers zwischen der Kulturnation-Bewegung in Deutschland vor 1848 und der lettischen Nationalbewegung ab 1860 seien aufschlußreich.

"Bei uns gilt immer noch die Vorstellung von Nation als etwas, was ewig existierte, wenn auch in verschiedenen historischen Formen. Während es in der westeuropäischer Forschung schon längst sozusagen bewiesen ist, daß 'Nation' eine Konstruktion ist." In Lettland sei das ein empfindliches Thema, weil die nationale Bewegung und die damit verbundenen Affekte immer noch so frisch seien. "Ich will, daß auch bei uns ein Durchbruch stattfindet. Daß auch wir 'Nation' als Konstruktion empfinden oder verstehen." Und zwar, so ergänzt er, ohne die positiven Seiten der nationalen Bewegung aufzugeben. "Ich glaube, daß nur derjenige, der kein Nationalist ist, eine Geschichte des Nationalismus schreiben kann."

Unser Gespräch wendet sich dem 'zukunftsfähigen Europa'zu. Das aktuelle Bewußtsein der Menschen in Lettland skizziert Deniss so:

"Von Europa spricht man viel. Man will in diese Richtung, und ich glaube, auf der Ebene der Regierungen unterscheidet man nicht besonders stark: Welches Europa wollen wir werden? Europa ist eher ein kulturelles Symbol als ein Kontinent mit bestimmten Problemen. Und das Gefühl ist sehr stark: Wir wollen einfach dort sein, und was immer dort passiert, wird dann auch unser Problem sein."

Dabei ist es gerade zehn Jahre her, daß auch in Lettland ökologische Probleme wichtige Impulse für politische Entwicklungen gegeben haben. Die ersten Demonstrationen in der lettischen Wende richteten sich nämlich gegen die Zerstörung der Natur durch neue, riesige Wasserkraftwerke, die in der damaligen sowjetischen Republik geplant waren. "Das war ein Anlaß, ein Symbol. Die Natur war unsere Natur. Und dann wurde plötzlich Natur nicht etwas Abstraktes, sondern lettische Natur. Man kämpfte gegen die Zerstörung der lettischen Natur durch eine fremde Macht. Und daraus entwickelten sich auch politische Forderungen. Deshalb ist Ökologie in diesen zehn Jahren nie in Vergessenheit geraten."

Allerdings, das neue Leben brachte, wie jede Modernisierung, Enttäuschungen mit sich. Die größte Enttäuschung war die Arbeitslosigkeit. Sehr viele Letten, die an diesem friedlichen Kampf teilgenommen hatten, aber irgendwie durch die Erneuerung des Staates nichts bekommen haben, fühlen sich als Verlierer. Sie sind zweifache Verlierer, weil sie von der lettischen, der nationalen Regierung, von dem unabhängigen Staat etwas erwarteten und nicht bekommen haben. Und sie erinnern sich wahrscheinlich daran, was sie in der Sowjetunion, von einer ethnisch fremden Macht, bekommen haben: Stabilität, Sicherheit. "Und das bringt Menschen, würde ich sagen, zur Verzweiflung."

Viele Fabriken, die früher zwar die Umgebung verschmutzt, aber doch Arbeit gegeben hätten, seien geschlossen worden. Setzte man diese Fabriken wieder in Gang, würde auch die Ökologie wieder bedroht. Im Denken der Menschen scheint die Wahl unausweichlich: Job, Geld, Sicherheit, weniger Arbeitslosigkeit oder eine saubere Umwelt.

"So, glaube ich, ist bei uns die Vorstellung: Dieses nachhaltige Europa hängt davon ab, ob ein Land es sich leisten kann und dafür bezahlen kann. Auch ökologische Bewegungen im Alltag versteht man irgendwie als etwas Elitäres. Nur die Reichen können z.B. gesunden Joghurt, Joghurt ohne Chemie trinken, weil der nämlich zweimal so teuer ist. Wenn sie alles andere schon haben, dann können sie sozusagen mit Ökologie spielen. Diese Vorstellung ist leider sehr verbreitet. Je mehr Probleme im ökonomischen Bereich, desto deutlicher ist dieses negative Verhältnis zur Ökologie. Es gilt als Element des Reichtums, als Element der elitären Denkart."

Ob er einen Ausweg aus diesem Dilemma sehe?

"Die Lösungen", antwortet Deniss, "müssen wahrscheinlich auf der Ebene der Initiative der Bürger entstehen. Daß einfach im Kindergarten und durch die Erziehung zu Hause beigebracht wird, daß Verschmutzung der Umwelt schlecht ist. Wie konservativ das auch klingen kann. Daß die Eltern dieses neue Bewußtsein haben und dadurch auch ihre Kinder. Auf der Ebene der Eigeninitiaive muß das sein. Solange es es nur eine Erklärung der Regierung in der Presse ist, hat man sofort die Reaktion: Gut, wir sind die Bevölkerung, das ist die Regierung. Und wir haben sehr verschiedene Probleme, zwei verschiedene Leben. Wir werfen die Zeitung weg, und schon ist es vorbei."

Eine Ökologie der Armen, wäre das denkbar?

"Ich glaube, die meisten einfachen Bürger erfahren die ökologischen Folgen sehr unmittelbar. Die Leute, denen es gut geht, können sich durch ihren Wohlstand von diesen Problemen entfernen. Sie können sich frisches Wasser leisten, gesundes Essen, und für die existieren diese Probleme nicht. Wenn wir z.B. in einem einfachen Haus schlechtes Wasser trinken werden, oder wenn der Wald aus meinem Fenster nicht mehr so gesund aussieht, dann weiß ich, daß etwas nicht in Ordnung ist. Und genau da sehe ich auch diese Hoffnung. Es wird funktionieren, hoffe ich, und nicht weil man Leute dazu zwingt, sondern weil es alle von uns betrifft oder betreffen wird, und dann werden wir es selbst machen. Wir haben einfach keine andere Wahl."

Siehst Du in den Traditionen der lettischen Kultur, die Du erforschst, Potentiale für ein neues grünes Denken?

Die Letten hätten noch so etwas wie ein "rustikales Gedächtnis", meint Deniss. Das sei mehr als nur ein Diskurs darüber, wie schön es ist, Bauer zu sein. Es gebe zum Beispiel diese riesige Sammlung von Volksliedern, Dainos genannt, die von dem Verhältnis des Volkes zur Natur, zum Universum erzählten. Eine ungeheuere Erbschaft. Diese Verbindung sei noch nicht verloren. "Die Letten haben diese bäuerliche Vergangenheit. Es ist in der Identität, und die wird wahrscheinlich auch wirken."

letzte Änderung: 14.12.2009 , © 2000 - 2009, Sommerkurse Weimar

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