
Irina Seleznova schnürte jeden Morgen schon lange vor dem Frühstück
ihre Laufschuhe und ging zum Joggen hinunter in den Ilm-Park. Wenn sie zurückkam,
wußte sie, wie das Wetter am nächsten Tag werden würde. Woher
sie das Wissen habe?
"Vielleicht weil ich mich ziemlich stark für die Ökologie interessiere
und in Sibirien aufgewachsen bin, kann ich einige Naturzeichen entziffern."
Sie beobachte die Enten auf der Ilm und achte darauf, welche Distanz sie zum
Ufer einhielten. Daraus ließen sich Rückschlüsse auf die bevorstehende
Wetterentwicklung ziehen.
"Die Enten", lacht Irina, "haben mich noch nie betrogen. Auch
nicht die Enten auf der Ilm."
Irina ist das erste Mal in Weimar. Sie kommt aus Krasnojarsk, der Metropole
am Jenissej im südlichen Sibirien, Hauptstadt einer Region, die ungefähr
siebenmal so groß wie Deutschland ist. In Deutschland war Irina schon
häufiger. Sie ist aktiv im Projekt "Kontaktbrücke Sibirien -
Nordrhein-Westfalen" und hat Gastspiele von Theatergruppen, Jugendaustausch-Programme
und Kontakte zwischen ihrer katholischen Heimatgemeinde und Klöstern im
Rheinland und in Westfalen betreut.
Schon seit zehn Jahren beschäftigt sie sich an der Pädagogischen
Universität mit interreligiösen und interkulturellen Projekten und
hat ihre Doktorarbeit darüber geschrieben. Was sie an den 'Weimarer Sommerkursen'
gereizt hat? Daß Philosophie und Religion mit dem Thema Zukunft verbunden
würden. Und zwar nicht bloß mit ideellen Vorstellungen oder nur religiöse
Vorstellungen von der Zukunft, sondern mit einer konkreten Konzeption: nachhaltige
Entwicklung. "Das hat mich interessiert."