"Haben oder Sein?" - Die Antwort des Buddhismus
Auszüge aus einem Gespräch mit Yukio Matsudo ... Ich, menschliche Umwelt und natürliche Umwelt stehen miteinander in einem engen Zusammenhang. Und zwar in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Die natürliche Umwelt mit dem Klima und der Landschaft bedingt natürlich dann auch mich. Aber gleichzeitig habe ich die Möglichkeit, von mir aus Impulse für die Veränderung der Lage außerhalb von mir zu geben. Nur sitzt das Problem eigentlich viel tiefer, als wir uns bewußt sind. Denn die nur rationalen Erklärungen oder Verstehen und bewußte Entschlüsse reichen oft nicht, um das Problem zu verändern. Jeder trägt in sich nicht nur sein individielles Karma, sondern auch kollektives Karma, das Karma der Familie, des Landes und der Menschheit... Es gibt eine buddhistische Sichtweise, daß alle Dinge, nicht nur Menschen, Tiere, Pflanzen, sondern auch Steine im Grunde die gleiche Struktur hätten. Nur die Manifestationsformen sind unterschiedlich. Einige haben das Bewußtsein nicht entwickelt. Oder bestimmte Strukturen sind zwar latent da, aber nicht voll entfaltet. Aber von der Struktur her wird das als wirklich gleich gesehen. Ob gleich behandelt, das ist eine andere Frage, aber im Prinzip sind die Wesen miteinander identisch.
Es ist selbstverständlich, daß wir heute schon die
Schäden spüren durch Ozonloch oder Ozonzerstörung oder Urwaldzerstörung
... (Die Konsequenz) vom Buddhismus her: Dass wir im Grunde bei jedem einzelnen
anfangen müssen, diese menschlichen Veränderungen, die menschliche
Revolution, also Veränderungen bei sich selber zu vollziehen. Und dazu
dient dann die buddhistische Praxis. Im Buddhismus gibt es ein Prinzip, das heißt etwa 'von nun an'. Das heißt: Alles beginnt jetzt. Du kannst jetzt neue Ursachen setzen, um deine Zukunft zu bestimmen, oder einen Beitrag zur Verbesserung der gesellschaftlichen und natürlichen Lage zu leisten. Und diese Ursache ist dann nichts anderes als die Aktivierung der Buddha-Natur oder Buddhaschaft... (Exkurs über Erich Fromm, den deutsch-jüdisch-amerikanischen Psychologen, Soziologen und Philosophen) ...Es ist schon interessant, dass Erich Fromm, der Vertreter der humanistischen
Psychologie, schon früh immer wieder die Position vertreten hat, dass wir,
die Menschen in der modernen Gesellschaft, uns immer wieder nach diesem Haben
orientieren, und diese Haben-Orientierung entspricht im Buddhismus dem Zustand
der Habgier... Interessant ist, dass dann Fromm angesicht dieser kritischen Situation auf die Notwendigkeit einer radikalen menschlichen Veränderung hinweist. Und er sieht die Notwendigkeit, dass der Mensch bei sich anfangen muß, dies Habenorientierung zu überwinden. Vom Haben zum Sein. Er macht viele Vorschläge, wie man die sozioökonomischen Lebensbedingungen verbessern könnte, oder wie der Mensch leben kann. Aber er setzt seine letzte Hoffnung auf eine neue Religion, als ein System des Denkens und Handelns, das dem Einzelnen einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe bietet. Also er sieht dann doch die letzte Rettung in einer neuen Form der Religion. Weil die Religion dem Menschen eine Chance gibt, seinen Habitus zu verändern. Deswegen betont er: Wir brauchen ein Objekt der Hingabe, um unsere Energien in eine Richtung zu lenken, und unsere isolierte Existenz mit allen ihren Zweifeln und Unsicherheiten zu transzendieren, und um unser Bedürfnis, dem Leben einen Sinn zu geben, erfüllen zu können. Das ist dann im Grunde seine Idee. Aber sein Alternativvorschlag, statt im Haben im Sein zu bleiben, ist buddhistisch gesehen noch zu wenig. Statt 'Haben oder Sein' würden wir im Buddhismus sagen: Werden. Im Werden ist beides auch enthalten. Werden ist weder Haben noch Sein, aber sowohl Haben also auch Sein. Je nachdem. Denn wie wir gesehen haben, in der Form des Nitschiren Buddhismus wird Haben, Habenorientierung oder Haben als solches nicht abgelehnt. Die Basis muß die Buddhaschaft sein, und da findet eine Transformation statt. Buddhismus würde bedeuten: Werden oder ein Prozess der Selbstverwirklichung in der Konfrontation mit den zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Problemen. letzte Änderung:
14.12.2009
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