"Im Zeichen des Wassers" hieß ein internationales Kulturprojekt,
das die Ideen der Agenda 21 über den Umgang mit der Ressource Wasser thematisierte.
Mit einem Videofilm stellte Tatjana Tchagina dieses Projekt, das im März
in ihrer russischen Heimatstadt Perm eröffnet wurde, den Kursteilnehmern
vor. An einigen Aktivitäten hatte sie im Rahmen der Partnerschaft Niedersachsen
/ Region Perm mitgewirkt. Ein internationaler Wettbewerb für Videokunst,
Einsatz von neuen Medien, ein Kunstwettbewerb sollten eine breite Öffentlichkeit
für das Problem der Wasserverschmutzung sensibilisieren. Das Programm wollte
die Bürger motivieren, an der Lösung der globalen Probleme auf lokaler
Ebene mitzuwirken.
Tatjana ist 25, hat vor kurzem ihr erstes Kind zur Welt gebracht, arbeitet für
die Kontaktstelle des Goethe-Instituts in Perm.
"Ich beschäftige mich meistens mit Kulturprojekten, die irgendwie
mit Deutschland verbunden sind. Das macht mir viel Spaß, da ich für
deutsche Kultur und deutsche Sprache sehr offen bin."
Ihre Stadt liegt am Fluß Kama in den Ausläufern des Urals. Millionenmetropole,
Industriestandort, Universitätsstadt, Gebietshauptstadt - am äußersten
östlichen Rand Europas ist Perm ein bedeutendes Zentrum.
Tatjana interessiert und engagiert sich für die Agenda 21. Schließlich
sei das der 'Handlungsplan', der 'Tatenplan' für das nächste Jahrhundert
und Jahrtausend. Bisher, sagt sie, hätten für sie die praktischen
Seiten der Agenda im Mittelpunkt gestanden: "Ich bin überhaupt mehr
ein praktischer Mensch als ein Theoretiker, stand immer zu konkreten Sachen.
Ich denke, du kannst irgendwelche Theorien entwickeln, wenn du genug praktische
Erfahrung hast. Bei mir steht zuerst eine praktische Handlung. Ich mache Fehler,
mache gute Sachen, und dadurch lerne ich."
Nun aber schien ihr die Zeit reif, sich auch mit den geistigen Grundlagen zu
beschäftigen. Das Programm der Weimarer Sommerkurse hatte ihr das Goethe-Institut
aus Moskau geschickt. Was ihr Interesse weckte?
"Ich habe diesen Versuch ziemlich interessant gefunden, Philosophie oder
Spiritualität mit konkreten praktischen Sachen, die die Agenda 21 angehen,
zu verknüpfen. Philosophie hilft einfach, einige Sachen, die jetzt in der
zeitgenössischen Gesellschaft passieren, besser zu verstehen. Einiges spürst
du ganz persönlich. Aber du kannst keine passenden Begriffe für die
Beschreibung von deinem eigenen Empfinden finden." Tatjanas Ansatz in ihrer
beruflichen Praxis: Durch Kultur die Aufmerksamkeit auf das Thema Ökologie
zu lenken. Sie plädiert für "synthetische Projekte", für
eine Kreuzung von Kunst und Information, von künstlerischem Ausdruck und
Wissensvermittlung. "Nicht reine Kunst oder reine Bildung, es muß
ein bißchen vermischt sein."
Ökologische Probleme würden in Westeuropa auf starkes Interesse stoßen.
In Bezug auf Russland könne man das - leider - nicht so kategorisch behaupten.
Der Mensch müßte immer für sich und für die Gesellschaft
Prioritäten setzen. "Wenn jemand also z.B. sechs Monate keinen Lohn
bekommen hat, interessiert ihn die Wasserqualität nicht. Es gibt wichtigere
aktuelle Probleme für ihn als die Qualität des Wassers."
Trotzdem sei die kulturelle Arbeit von zentraler Bedeutung für die Entwicklung
von ökologischem Bewußtsein. Nachhaltigkeit beginnt in den Köpfen.
"Es ist klar, daß alle europäischen Länder nach sauberer
Umwelt streben. Man kann nicht einfach eine ökologische Grenze zwischen
West- und Osteuropa bauen. Undenkbar. Man muß zuerst das Bewußtsein
von Leuten ändern und helfen, in Osteuropa dieses Bewußtsein zu schaffen.
Wie komisch das auch klingt, man muß in erster Linie mit der Theorie Osteuropa
helfen. Es gibt so ein Sprichwort: Wenn du einem Bettler helfen willst, mußt
du nicht für ihn einen Fisch fangen, sondern ihm beibringen, diesen Fisch
selber zu fangen. Nur dadurch kannst du ihm helfen. Alle diese Bildungsprojekte
und Bildungsprogramme sind wichtiger als irgendwelche kurzzeitigen materiellen
Zuschüsse."
Kulturprojekte müssten, so meint Tatjana, nicht nur ästhetischen
Genuß bringen, sondern auch ganz aktuellen Lebenszwecken dienen, ihnen
einen Anstoß geben, etwas im Leben zu ändern, entweder auf dem Gebiet
der Ökologie oder auf sozialem Gebiet. In dem Zusammenhang spricht sie
von der 'Ökologie des Bewußtseins':
"Wenn wir den Kopf des Menschen mal einfach als einen Raum betrachten,
können wir sagen, daß für jeden Raum eine bestimmte Ordnung
existieren muß. Wenn in meinem eigenen Raum, z.B. in meinem Zimmer, Chaos
herrscht, kann ich an diesem Tag wohl keine schöne Sachen machen, bevor
ich nicht alles in Ordnung bringe. Sehr viele Leute haben Chaos in den Köpfen,
und die Kultur und Kunst können helfen, Ordnung in den Köpfen zu machen.
Das verstehe ich unter Ökologie des Bewußtseins."
Von Künstlern, die aus Deutschland oder anderen westeuropäischen
Ländern nach Russland kommen, wird Tatjana oft gefragt: Wie kann man in
dem Land überhaupt existieren? Ihre Antwort:
"Es ist ziemlich interessant, in Russland zu wohnen, weil es immer Probleme
gibt, die du ständig lösen mußt. Es ist nicht so, daß
ich einfach aus dem Haus gehe und zur Uni fahre. Der Fahrstuhl klemmt, auf der
Straße ist alles glatt, niemand hat gestreut, die Autofahrer beachten
keine Regel, die Straßenbahn kommt nicht... Das sind nur die alltäglichen
Sachen. Ich muß auch dafür sorgen, daß ich eine Wohnung habe,
in der ich ein würdiges Leben mit meinem kleinen Kind führen kann.
Aber das regt die Gedanken an, das übt die Gedanken. Ein würdiges
Leben in dem Land zu organisieren, daß ist wirklich schwierig. Das ist:
Überlebenskunst."
Vielleicht ist die Überlebenskunst der Menschen ein wichtiger Beitrag
zu einem nachhaltigen Europa?
"Russland kommt zu einem nachhaltigen Europa, meint Tatjana, aber langsam."