Hildegard Kurt ist Kulturwissenschaftlerin aus Berlin. In Deutschland gehört
sie zur Avantgarde einer Suchbewegung, die am Leitbild Nachhaltigkeit'
arbeitet. In zahlreichen Veröffentlichungen und Interventionen plädiert
sie für eine Erweiterung dieses Begriffs um die kulturelle Dimension: Es
gehe nicht allein um ökonomische, ökologische und soziale Lösungen
für die akuten Probleme der Gesellschaft. Die Basis dafür sei eine
Veränderung in der Sphäre der Wahrnehmung, der Werte und Ziele der
Gesellschaft. Ihr Seminar im Rahmen der Sommerkurse' spannte den Bogen
von Schillers ästhetischer Theorie über das Bauhaus und Joseph Beuys
bis hin zur aktuellen Konzeptkunst eines George Steinmann.
Frage: Bei der Vorstellung des Kursprogramms sprachen Sie von Neuland'.
Warum?
Hildegard Kurt: Mit unserem Kurs Kunst in Zeiten der nachhaltigen Entwicklung'
haben wir wirklich in der Tat Neuland betreten, weil wir uns kaum auf bereits
vorhandenes Wissen stützen konnten. Wir konnten nicht in dieser Weise rezipieren,
sondern waren gezwungen, selber sehr viel zu produzieren. Und das war um so
spannender, als wir in unserer Gruppe Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus den
allerverschiedensten Ländern mit den unterschiedlichsten Hintergründen
hatten.
Frage: Ist es in dieser multikulturellen Gruppe gelungen, das schwierige
neue Terrain gemeinsam zu betreten?
H.K.: Bewegend war es immer dann, wenn man spürte: Jetzt ist ein Moment
gekommen, wo wir in diesem weiten und offenen Feld, das unsere Thematik darstellt,
durch die gemeinsame Arbeit plötzlich etwas haben, eine Idee, einen Gedanken,
was sich wie eine Substanz fast greifbar dann plötzlich hier im Raum entwickelt.
Ich denke, das ist uns ab und an gelungen. Für mich waren diese zwei Wochen
etwas, was fernab von jeder Routine in jederlei Hinsicht und von Anfang bis
Ende lebendig gewesen ist und geatmet hat. Mit allen Schwierigkeiten, die dazu
gehören.
Frage: Kunst und Nachhaltigkeit zusammen zu denken, scheint in der Tat schwierig.
Der gerade in Johannesburg beendete Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung'
verhandelte in erster Linie CO2-Emissionsrechte und Süßwasservorräte.
Was hat Kunst mit dem politischen Konzept sustainable development' zu
tun?
H.K.: Die Zeit scheint reif, zu realisieren, dass wir es nie schaffen werden,
dieses neue Leitbild der Zukunftsfähigkeit zu kommunizieren und attraktiv
zu machen, wenn wir nicht diejenigen Akteure mit einbeziehen, die in der Lage
sind, gesellschaftliche Bilder und Konzepte durch Symbole, durch Rituale, durch
bestimmte Handlungen lebendig werden zu lassen. Und das sind nun mal die Künstler,
die Kulturschaffenden. Es geht um nichts Geringeres als aus dem Konzept eine
Vision und aus der Utopie etwas zu machen, was wir als spannende und aufregende
Gestaltungsaufgabe empfinden.
Frage: Welcher Begriff von Kultur liegt dabei zugrunde?
H.K.: Die kulturelle Dimension von Zukunftsfähigkeit entdecken heisst:
Unseren Kulturbegriff selbst erst einmal zukunftsfähig machen. So! Und
da kommen wir zu sehr interessanten Dingen, über die wir in unserem Kurs
gesprochen haben. Ich möchte drei Merkmale eines zukunftsfähigen Kulturbegriffs
einfach mal nennen: Es müsste ein Kulturbegriff sein, der Mensch und Natur
gleichermaßen umfasst, während der überkommene Kulturbegriff
sich gerade von Natur abgegrenzt hat. Kultur begann da, wo Natur aufhörte.
Das müssen wir hinter uns lassen. Um zu sehen, dass Mensch und Natur beide
Teile eines Lebensganzen sind. Das wäre sehr wichtig. Das nächste
Merkmal wäre, dass Vielfalt eine zentrale Komponente darstellt. D.h. kulturelles
Verhalten wäre die Pflege von Vielfalt, und zwar von biologischer Vielfalt
ebenso wie von kultureller Vielfalt. Ein ganz zentrales Element! Das nächste
ist das Element der Partizipation. Kultur muss heute eine möglichst breite
Teilhabe bedeuten, und zwar nicht an Konsumtion, sondern an gesellschaftlichen
Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt.
Das wäre jetzt alles noch weiter auszudifferenzieren. Also wir sehen, da
fängt es an spannend zu werden, wenn wir unser Verständnis von Kultur
selbst erneuern, um zukunftsfähig zu werden.
Frage: Ein zentraler Gedanke von Nachhaltigkeit ist die Reduktion des menschlichen
Naturverbrauchs. Das scheint nur eine Frage des besseren Ressourcen-Managements
zu sein. In Ihren kultur- und kunstwissenschaftlichen Forschungen entfalten
Sie jedoch die kulturelle Dimension dieses Prinzips Weniger'. Warum?
H.K.: In der Tat ist Reduktion' ein Schlüsselbegriff der Nachhaltigkeitsdebatte,
und ist es schon immer gewesen. Das ist mit ein Grund dafür, dass es immer
heisst, Nachhaltigkeit ist sei nicht vermittelbar. Denn wir müssten alle
verzichten, alles reduzieren usw. Ich bin davon überzeugt, dass es in unserem
geistesgeschichtlichen Erbe ganz spannende Etappen gibt, die uns vorführen,
dass das Prinzip des Weniger keineswegs zu Schäbigkeit oder Armut oder
Verlust führen muss. Sondern dass dieses Prinzip auf sehr überzeugende
Weise ein Instrument werden kann, um Lebensintensität und Lebensfülle
zu steigern. Ich persönlich untersuche das insbesondere im Blick darauf,
was sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Kunst zugetragen hat. Wo die
klassische Moderne, wir nennen sie auch die historische Avantgarde, gerade mit
diesem Prinzip der Reduktion, also der freiwilligen, wohlbemessenen Zurücknahme
gearbeitet hat, um sich neue Ebenen und neue Handlungräume zu erschließen.
Und zwar sowohl im Geistigen, als auch in der praktischen Arbeit des Formens.
Frage: Sie haben in Ihrem Kurs gleich nach Schillers Ästhetik die kunsttheoretischen
Ansätze von Wassili Kandinsky behandelt, die er ja zum Teil hier in Weimar,
nämlich am Bauhaus, entwickelt hat. Wäre das ein Beispiel für
die Kunst der Reduktion'?
H.K.: Reduktion als Gestaltungsinstrument ist in der Tat sehr schön abzulesen
bei Kandindsky. In der Kunst heißt Reduktion zunächst einmal die
Abkehr vom Gebot der naturgetreuen Abbildung und die Hinwendung zu einer komplexen
Simplizität, die Beschränkung auf eine komplexe Einfachheit. D.h.
die Künstler wollen jetzt nicht mehr unbedingt naturgetreu abbilden, versuchen
jetzt nicht mehr, etwas figurativ darzustellen, sondern versuchen, sich auf
Formen, Linien, Farben zurückzuziehen und aus diesen komplexen Einfachheiten
neue Formgebungen zu schaffen. Goethe hat einmal gesagt (aber der Gedanke hätte
auch von Wassili Kandinsky stammen können): Nicht die Natur nachahmen,
sondern der Natur nachahmen. Indem er die Ebene des Gegenständlichen, des
Figurativen durchbricht, versucht er, hinter dem Figurativen die Lebensgesetze
und die Lebensprinzipien zu erkennen, die hinter dem Gegenständlichen verborgen
liegen, d.h. er versucht, eine tiefere Ebene der Realität zu erreichen,
um von da aus in ganz anderer Weise seine Aufgabe als Maler, als Künstler,
aber auch als Zeitgenosse wahrnehmen zu können: Nämlich in einer durch
die Industriemoderne völlig auf den Kopf gestellten Welt wieder Orientierungen
zu finden.
Frage: Bauhaus und klassische Moderne sind für Sie immer noch ein Faszinosum?
H.K.: Absolut! Wenn man heute in ein Museum geht, und vor diesen Werken steht
- Klee, Malewitsch, Picasso oder Kandinsky - dann spürt man diese Kraft.
Das war ein ganz, ganz radikaler, mutiger Aufbruch. Und man spürt die Schönheit,
die von diesen Werken ausgeht. Es mag paradox merkwürdig klingen, aber
für mich ist das so etwas wie eine mündige Schönheit. Keine Oberflächenschönheit,
sondern eine mündige Schönheit, die hervorgeht aus dem Versuch, aus
einer selbstbestimmten, freien Wahrnehmung heraus tiefer in die Realität
vorzudringen, um in angemessenerer Weise auf unsere Realitäten antworten
zu können. Also das ist faszinierend, dieser emanzipatorische Impetus,
der da drinsteckt. Und das spürt heute noch, wenn man sich diese Werke
anschaut. Also mir persönlich geht es so. Ein Versuch, von diesem kulturell-künstlerischen
Feld her Orientierungen in der Industriemoderne zu finden, und zwar durch eine
sich im Prinzip des Weniger erneuernde Kunst, war die Gründung des Bauhauses.
Da hat man versucht, dieses Gedankengut in praktische Formvorschläge für
alle möglichen Bereiche der Lebenswelt umzusetzen.
Frage: Ist nicht die Gefahr des Absturzes dabei immer gegeben? Dass man
in die Plattheit abstürzt und letztlich beim Plattenbau' landet?
H.K.: Deswegen muss man auch von der Kunst der Reduktion' sprechen. Da
geht es in der Tat darum, eine Balance zu finden - und das richtige Maß.
Dem historischen Bauhaus ist das nicht gelungen. Albert Einstein hat den schönen
Spruch geprägt: Man soll die Dinge so einfach machen, wie es geht, aber
nicht einfacher. Und diesen Grundsatz haben die Leute am historischen Bauhaus
nicht genügend respektiert. Da ist dann schon so etwas wie Monotonisierung,
Uniformisierung, Verlust von Komplexität, Plattheit zustande gekommen.
Bis zu den Plattenbauten. Während es heute darum ginge, an den Punkt zu
kommen, den auch George Steinmann in seinem Workshop während des Kurses
beschrieben hat. Wo man freiwillig immer mehr zurück geht, immer mehr Überflüssiges
weglässt. Und sich von da aus dann plötzlich neue Handlungsebenen
und auch neue Ebenen des emotionalen und des geistigen Seins erschließt.
Und das ist ohne jeden Zweifel möglich, heute sogar mehr denn je in der
Moderne. Jeder kreative Mensch, der das Glück hat, in einer relativ - relativ
- wenig entfremdeten Tätigkeit zugange zu sein, wird wissen, wovon da die
Rede ist.
Frage: Sie plädieren für eine neue Kooperation zwischen den Akteuren
der Nachhaltigkeit und Künstlern. Das soll ja nun nicht heissen, Künstler
zu beauftragen, vorgefertigte Gedanken zu illustrieren, um sie einer desinteressierten
Öffentlichkeit besser vermitteln zu können. Sie sprechen vielmehr
von der Kunst als einer Wissensform. Was charakterisiert Kunst als Wissensform?
H.K.: Die eigentliche Aufgabe von Kunst ist nicht, Wissen zu transportieren,
sondern Wissen zu produzieren. Es ist nicht etwa so, dass künstlerisches
Schaffen keineswegs die Ratio ausschließen würde, das auf keinen
Fall. Das logische Denken wird überhaupt nicht ausgeschlossen. Sondern
es ist so, dass zusätzlich zur Ratio auch andere Wesensanteile, die wir
als Menschen alle haben, nämlich das Intuitive oder die Imagination oder
das Sinnenbewußtsein oder unsere Emotionalität, mit in die Suche
nach Wahrheit und Erkenntnis eingeschlossen werden. D.h. sie werden ernst genommen
als Quellen von Wahrheit und Erkenntnis.