Impulse I -
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Frage: In Ihrem Vortrag habe Sie die Rezeptionsgeschichte der Weimarer Klassik, die Geschichte ihrer Ideologisierung und Instrumentalisierung, skizziert. Wie ist diese Sackgasse zu vermeiden?
Hellmut Seemann: Wir müssen auf der einen Seite uns bewußt bleiben, dass Weimar eine starke kollektive und systemstabilisierende Rolle in unterschiedlichen politischen Systemen meist unguter Fundamentierung gespielt hat. Aber auf der anderen Seite dürfen wir daraus nicht den Ausweg suchen, den immer wieder Einzelne gesucht haben, nämlich zu sagen: Das war alles ein furchtbares Mißverständnis, eine furchtbare Vergewaltigung, und wir müssen zurück zu dem Eigentlichen, was die Weimarer Klassik und ihre Folgen gewesen sind, und das sind geistige Werke, und diese geistigen Werke sind demjenigen unverstellt erschließbar, der sich als Einzelner ernsthaft diesem Prozess und Projekt aussetzt. Das glaube ich eben nicht. Die Gefahr wäre eine neue Re-Ideologisierung, die ich unbedingt vermeiden möchte. Sondern ich glaube, wir müssen dieses Konstrukt, das hier Ende des 18. Jahrhunderts entstanden ist, dieses geistige Konstrukt unter der Voraussetzung und der Bedingung sehen, dass es in der Tat der Versuch war, in einer politisch elenden und - was die religiöse Fundamentierung anbelangt - gefährdeten Epoche etwas an die Stelle sowohl der Religion wie der Nation zu setzen. Das war der Ansatz, unter dem Herder und Goethe und Schiller hier gearbeitet haben. Das darf man nicht wegwischen. Sonst wäre dieser Ansatz auch nicht so uferlos instrumentalisierbar gewesen... Das war schon als ein großer Versuch der Kompensation für Dinge, die entweder verloren gegangen waren oder nicht hinreichend zur Verfügung standen, gedacht.
Frage: Was heißt das für den produktiven Umgang mit dieser Tradition, mit diesem Erbe?
H.S.: Als heute kulturell agierender Mensch kann man weder zu irgendwelchen unverstellten Quellen zurück, noch kann man verzichten. Beides sind keine Auswege. Im Grunde genommen ist diese Ambivalenz auszuhalten und diese Ambivalenz ständig wieder zu suchen gerade das, was ich unter Bildung verstehen würde. Dass man sich selbst in einer Tradition sieht, der man auch anhängt, von der man sich nicht los machen kann, und deren Sklave man dennoch nicht ist, sondern in der man die Freiheit findet, sich mit geistigen Ausdrücken früherer Epochen wieder als Einzelner wie am ersten Tag zu beschäftigen. Diese Ambivalenz auszuhalten ist in meinen Augen gerade das, was einen Bildungsprozess ausmacht.
Frage: Welche Potentiale wären in einem solchen Prozess zu entdecken? Wo sehen Sie Korrespondenzen und Anknüpfungspunkte zwischen dem geistigen Konstrukt Weimarer Klassik und dem heutigen Problembewußtsein?
H.S.: Ich bin der ganz festen Überzeugung, dass ein Kopf wie Goethe, aber
eben auch Herder, verstanden hat, dass die Fundamentierung des Menschen in religiösen
Zusammenhängen untergehen wird. Das war die feste Überzeugung. Herder
hat daraus seine Humanitätsreligion entworfen, die ja eigentlich eine Überwindung
der Religion zugunsten einer neuen, menschengesetzten Religion sein sollte.
So würde ich jedenfalls Herder interpretieren. Und ich kann die Vorwürfe,
die Herder immer wieder einzustecken hatte von Seiten der strengen Lutheraner,
er habe ja keinen wirklichen Gottesbegriff, sehr wohl nachvollziehen. Auch wenn
ich das eher positiv als negativ sehe. Aber ich glaube tatsächlich, das
war ein Kopf, der gesagt hat: Das, was Religion für den Menschen historisch
dargestellt hat, wird untergehen. Aber das, was Religion für den Menschen
darstellt als Geltung, das wird nicht untergehen. Das müssen wir, wenn
es historisch denn untergeht, sozusagen neu rekonstruieren. Das ist die Humanitätsreligion.
Bei Goethe war es das Modell der unendlichen Vervollkommnung des Individuums,
das an die Stelle der Orientierung an einem Wertekanon, der sozusagen vorgegeben
ist, getreten ist. Deswegen ist er für mich wirklich der Apostel der Individualität.
Denn er hat begriffen, dass Bildung eben Freiheit voraussetzt, und dass man
diese Freiheit dem Menschen gewähren muß. Er hat das nicht als politisches
Problem gesehen, weil er es nicht als politisches Problem erfahren hat...
Frage: Weimar steht auch für ein neues Modell im Umgang mit der Natur und den natürlichen Ressourcen. Was heute unter dem Stichwort Nachhaltigkeit' diskutiert wird, ist in Weimar schon außerordentlich früh, Mitte des 18. Jahrhunderts, bereits mit diesem Begriff thematisiert und praktiziert worden, z. B. unter der Regentschaft von Anna Amalia als Konzept für eine großangelegte Reform des Forstwesens. Ist Nachhaltigkeit' dem Weimarer Modell sozusagen immanent?
H.S.: Ich glaube, dass man an dem gesamten Prozess der Entwicklung des weimarischen
Modells zeigen kann, dass dort, wo es gut funktioniert hat, es immer unter Bedingungen
funktioniert hat, die eigentlich erbarmungswürdig waren. D.h. das Großartige
an diesem Modell gegenüber Versailles oder St. Petersburg oder auch gegenüber
dem Vatikan oder was man sonst an Modellen vielleicht aus der Kulturgeschichte
herholen möchte, das Großartige an diesem Modell ist doch, dass es
funktioniert hat unter äußeren Bedingungen, die wirklich alles andere
als gut waren...
Sie haben gewußt, dass man mit sehr geringen Mitteln in einer kleinen
Residenzstadt mit einer winzigen Auenlandschaft um einen mittelgroßen
Fluss herum ein Weltkulturerbe schaffen kann. Das haben die gewußt. Und
so haben sie es angefangen. Und so habe sie sich beschieden. Sie sind bescheiden
geblieben. Und das war natürlich Anna Amalia. Denn Anna Amalia wußte
von ihrem Schwiegervater, der ein großer Baulöwe war und ein Schloß
nach dem anderen hier in die Landschaft setzte, dass die noch zu seinen Lebzeiten
zusammengefallen sind, weil sie so schlecht gebaut waren, dass es gar nicht
funktionieren konnte. Und sie hatte noch lange Jahre ihrer eigenen Regentschaft
hindurch die Prozesse und die Schwierigkeiten und die Schulden, die dieser nicht-nachhaltig
organisierte Kulturprozess ihres Schwiegervaters heraufbeschworen hat. Und deswegen
dachte sie in der Tat in Konzepten der Nachhaltigkeit und hat sich eigentlich
auch immer so verhalten.
Frage: Also z.B. der Ilmpark, das Erlebnis des Naturschönen, als ein immaterielles Element von Wohlstand, der materiell nicht erwirtschaftet werden konnte?
H.S.: Ja, ich sehe es wirklich so, und Sie sehen es eben auch über die
Jahrzehnte immer wieder, dass die großartigsten Dinge gelingen, nicht
obwohl man so wenig Geld hatte, sondern weil man die Bescheidenheit der materiellen
Möglichkeit zum Konzept gemacht hat. Wenn Sie mal den Rokokosaal im Grünen
Schloß, also unserer heutigen Anna-Amalia-Bibliothek ansehen, so sehen
Sie, dass dort mit Proportionen, mit Farben das kompensiert wurde, was man an
Materiellem nicht hatte. Denn das ist alles bloß Holz, das durch eine
wunderbare Farbgebung und durch eine wunderbare Proportionierung des Raumes
zu einem Erlebnis wird. Und dieses Erlebnis währt jetzt immerhin schon
seit 250 Jahren. Also, das ist doch erstaunlich!
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